Festival & Plattform

Liebes Publikum,

NORDWIND geht in diesem Jahr in die siebte Ausgabe und hat seit seiner Gründung viele Veränderungen erfahren, war nordisches Showcase, hat sich der russischen Kunstszene gewidmet, in diesem Jahr nun wird ein Spagat gewagt zwischen zwei geographisch maximal entfernten Gebieten, dem arktischen und afrikanischen Raum. Performances, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und Partys erwarten sie vom 7.11-13.1.2018 in Berlin und Hamburg.

Wir freuen uns auf Sie!

Wir danken der freundlichen Unterstützung des Finnland Instituts Berlin, das alle Veranstaltungen der finnischen Künstlerin Dafna Maimon fördert. Das Finnland-Institut berät und vernetzt verschiedene Akteur*innen aus Finnland und Deutschland und bietet Interessent*innen / Kulturinteressierten gemeinsam mit seinen Partnern ein vielseitiges Programmspektrum. Seine zentrale Aufgabe besteht darin, Begegnungen zwischen Fachleuten aus dem deutschsprachigen Europa und Finnland zu schaffen, um langfristige Kooperationen und den deutsch-finnischen Dialog zu fördern.

News

Uhrzeitänderungen:

Laurent Chétouane & Vincent Sekwati Koko Mantsoe / DI, 07.11. / 20:00 Uhr

Lilibeth Cuenca Rasmussen / DI, 07.11. / 21:30 Uhr

Qudus Onikeku & Arnbjörg Danielsen / SA, 11.11. / 18:15 Uhr

Markus Öhrn / SA, 11.11. / 21:00 Uhr

FouFou und Shatter Hands - Eröffnungsparty

Di., 07.11.17, 22:00 Uhr, Silent Green

Zum Ausklang des ersten Tages treffen sich alle zum Tanzen und Feiern, die noch nicht genug Eindrücke für den Tag gesammelt haben: das dänische Duo DJ FOUFOU und SHATTER HANDS heizen dem Berliner Publikum ein, schlagen eine Brücke zwischen nordischen und afrikanischen Sounds und eröffnen Nordwind 2017 mit funkigen Klängen, tiefgründigen Bässen und smoothen Beats. Ob vorne in der ersten Reihe tanzen oder einfach nur die Augen schließen und genießen – hier ist für jede*n was dabei.

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DE Ricarda Ciontos ist seit 2006 Gründerin und künstlerische Leiterin des NORDWIND Festivals. Solvej Helweg Ovesen ist die diesjährige Chefkuratorin des Projektes 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving', sie ist derzeit außerdem künstlerische Leiterin der Galerie Wedding sowie Gründerin von 'GROSSES TREFFEN' in den Nordischen Botschaften Berlin. Sie hat als Kuratorin besonders viel mit afrikanischen und nordischen Künstler*innen gearbeitet. Das NORDWIND Festival, das jahrelang auf die Präsentation von nordischen und arktischen Künstler*innen fokussiert war, versteht sich dieses Jahr erstmals als internationale Plattform und bringt nordische und arktische Künst­ler*innen mit Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent zusammen.

Ein Gespräch.

Das NORDWIND Festival war jahrelang auf die Präsentation von ausschließlich nordischen Künstler*innen fokussiert, warum habt ihr euch dieses Jahr mit dem Projekt 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving' dafür entschieden, Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent und aus der Arktis miteinander in Kontakt zu bringen und zu einem Festival einzuladen?

RC Es stellt sich natürlich die Frage: Warum tauchen plötzlich afrikanische Künstler*innen in einem nordischen Festival auf? Der Grund, warum ich mich von der ausschließlichen Fokussierung auf nordische Positionen entfernt habe, liegt darin, dass ich während der Recherche viele Parallelen zwischen den Künstler*innen aus dem nordischen Raum und vom afrikanischen Kontinent gefunden habe, insbesondere in Bezug auf die Auseinandersetzung mit postkolonialer Vergangenheit, deren Wunden, aber auch Identitäten und die Entwicklung von Strategien für die Zukunft. Es geht ja nicht nur um das Narrativ der Vergangenheit, sondern vor allem auch um die Frage, wie gehen wir weiter. 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving' beschreibt den Moment der Transformation, wo sich das Alte verflüchtigt und etwas Neues die Möglichkeit hat, zu entstehen.

SHO Was mich interessiert, ist erstmal die Dekolonialisierung u.a. von den unterschiedlichen Ländern sowie im Speziellen von Grönland. Was ich sehr spannend an der Kombination von nordischen und afrikanischen Künstler*innen finde, sind die künstlerischen Parallelen, beispielsweise der Einsatz von Throat Singing und Maskentanz. Das Festival schafft eine Art dritten Raum zwischen der Arktis und dem afrikanischen Kontinent. Sowohl in der Arktis durch die Eisflächen als auch auf dem afrikanischen Kontinent mit den Savannen und Wüsten gibt es die offenen Landschaften, die ein anderes Verhältnis des Körpers zu seiner Umgebung fordern: In dem Sinne, dass die Natur stärker und präsenter als der Mensch ist und den Menschen angreift. Dadurch entsteht ein Zeit- und Raumgefühl, das von der Umwelt abhängig ist, anders als wir es beispielsweise in der Großstadt leben, wo wir uns jederzeit mächtig über Natur und Zeit fühlen.

RC Es gibt für uns ein Projekt im Rahmen von NORDWIND, das die Begegnung von Künstler*innen aus dem nordischen Raum und vom afrikanischen Kontinent exemplarisch beschreibt: So haben sich durch unsere Intervention, die beiden Künstler*innen Qudus Onikeku aus Nigeria und Arnbjörg Danielsen aus Island getroffen. Danielsen leitet ein kleines Kunstfestival in Grönland, das Disko Art Festival, zu dem sie regelmäßig Artists in Residence einlädt. Onikeku war da, die beiden hatten eine sehr inspirierende Begegnung und werden nun für NORDWIND eine gemeinsame Arbeit kreieren. Um diese Art von kreativem Austausch und Zusammenarbeit geht es bei dem Projekt. Des Weiteren ist das Themenfeld der Landesgrenzen, die Definitionen von Nation und Zugehörigkeit in unserer Recherche sehr wichtig gewesen. Klar kann NORDWIND erst mal als ein Festival verstanden werden, das sich ausschließlich auf nordische Künstler*innen konzentriert, aber es gibt bei uns einen Grund für die Transformation von einem regionalen, geographisch eingegrenzten Festival zu einer internationalen Plattform und das hat viel damit zu tun, dass wir diese Begriffe hinterfragen und diese Auseinandersetzung auch auf die kuratorische Praxis anwenden.

Worin bestehen die Besonderheiten, Gegensätze, Gemeinsamkeiten der eingeladenen Künstler*innen aus eurer Sicht?

RC Wir haben nach Künstler*innen gesucht, die sich mit der Thematik des Postkolonialismus, Identitätskonstruktionen, Nationalität und ökologischen Veränderungen beschäftigen. Des Weiteren interessieren uns Künstler*innen, die für einen gegenseitigen Austausch offen sind. Für mich war außerdem auch eine weibliche Perspektive interessant, insbesondere ein weiblicher Blick auf Kolonialismus als Geschichtsphänomen, das auf der Machtseite hauptsächlich von Männern zu verantworten ist.

SHO Für mich war wichtig, dass die Künstler*innen, sich selbst als Interpret*in sehen und auf innovative Weise mit ihren Positionen, Verortungen, ihrem Körper und mit alten lokalen und kolonialen Machtverhältnissen umgehen. Beispielsweise thematisiert der südafrikanische Künstler Athi-Patra Ruga die eigene Selbstdarstellung und die Blicke auf den als 'exotisch' geltenden Männerkörper durch eine Wiederbelebung der Figur von Feral Benga und des westlichen Cabaret Négre, Lilibeth Rasmussen thematisiert den Bezug vom Körper zur Erde und Laakkuluk Williamson Bathory erfindet den traditionell grönländischen Maskentanz neu.

Das Festival ist während der einzelnen Festivaltage in Überthemen geordnet: Displacement, Embodiment, Borderlessness, Shamanism and Ecology, Roots and Foresight? Inwiefern bilden diese Begriffe einen Rahmen für das Festival?

SHO Die Themen lehnen sich an die Themensetzungen der eingeladenen Künstler*innen und Theoretiker*innen an und sind als tägliche Strukturierung des Festivals gedacht. Kurz gesagt ist unter Displacement das Thema Versetzung von Menschen als ein Effekt von Migration, Globalisierung und Umweltveränderungen zu verstehen; Embodiment hat damit zu tun, wie Erinnerung sich in Körper einschreibt und wie Körper gesellschaftlich gelesen werden oder gelesen werden möchten; Borderlessness verknüpft sich mit einem territorialen sowie gedanklichen Nomadismus. Shamanism in Verknüpfung mit der Idee von Ökologie ist ein Thema, wo der Umgang mit der Natur, Ethik und übermenschlichen Kräften rituell verhandelt wird.

RC Wichtig war uns auch der Foresight Aspekt, in dem Sinne, wo geht es jetzt hin? Wir werden innerhalb von einer Woche keine Lösungen präsentieren, aber deswegen ist auch das Symposium für uns sehr wichtig, weil eine so komplexe Thematik und Fragestellung, wie wir sie während des Festivals auf der künstlerischen Ebene behandeln, nicht ohne eine Debatte stattfinden soll, auf der auch unterschiedliche Postionen zugelassen sind und aufeinandertreffen. Es geht auch um den Ausblick auf weitere Projekte und Ideen für die Zukunft.

Wie seht ihr eure Position als Kuratorinnen und Gastgeberinnen? Wie ist die Zusammenarbeit mit den Künstler*innen zustande gekommen?

SHO Ich arbeite fast immer langfristig und oft mehrmals mit jede*r Künstler*in und anhand langer gemeinsamer inhaltlicher Gespräche produziere ich die Arbeiten mit ihnen gemeinsam.

RC Uns ist es wichtig gewesen, das Festival gemeinsam mit den Künstler*innen zu entwickeln, und dass wir Risiken auf uns nehmen, weil die meisten unserer Arbeiten Risikoproduktionen sind im Sinne von Auftragsarbeiten. Hier kommen Menschen zusammen, die noch nie zusammengearbeitet haben und damit gehen wir das Risiko ein, Arbeiten zu zeigen, die auch scheitern können. Wir sind Gastgeberinnen, aber eher in dem Sinne, dass wir diejenigen sind, die das Projekt mit den Künstler*innen zusammen entwickeln und das Projekt anstoßen und vor allem den Raum und die Möglichkeiten zur Verfügung stellen.

Das Gespräch führte Inga Bendukat.

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