Festival & Plattform

Liebes Publikum,

NORDWIND geht in diesem Jahr in die siebte Ausgabe und hat seit seiner Gründung viele Veränderungen erfahren, war nordisches Showcase, hat sich der russischen Kunstszene gewidmet, in diesem Jahr nun wird ein Spagat gewagt zwischen zwei geographisch maximal entfernten Gebieten, dem arktischen und afrikanischen Raum. Performances, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und Partys erwarten sie vom 7.11-13.1.2018 in Berlin und Hamburg.

Wir freuen uns auf Sie!

Wir danken der freundlichen Unterstützung des Finnland Instituts Berlin, das alle Veranstaltungen der finnischen Künstlerin Dafna Maimon fördert. Das Finnland-Institut berät und vernetzt verschiedene Akteur*innen aus Finnland und Deutschland und bietet Interessent*innen / Kulturinteressierten gemeinsam mit seinen Partnern ein vielseitiges Programmspektrum. Seine zentrale Aufgabe besteht darin, Begegnungen zwischen Fachleuten aus dem deutschsprachigen Europa und Finnland zu schaffen, um langfristige Kooperationen und den deutsch-finnischen Dialog zu fördern.

News

Update:

Leider fallen die Vorstellungen von Michéle Magema (Mino) am 14.12. und am 15.12. auf Kampnagel in Hamburg aus.

Update Öffnungszeiten:

Vom 21.12. bis 1.1. bleibt die Ausstellung "Orient Express" von Dafna Maimon in der Galerie Wedding geschlossen.

Danach reguläre Öffnungszeiten: Di-Sa 12:00-17:00 Uhr

Martyrmuseum:

Es handelt sich um eine Audiovisuelle Performance - Einlass nur zu jeder vollen Stunde (12 Uhr, 13 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr, 17 Uhr, 18 Uhr 19 Uhr).

Künstler*innen-Statement zum "Märtyrermuseum"

(Berlin, 04.12.17) Alle Märtyrer in diesem Kunstwerk wurden von einer weltlichen oder geistlichen Organisation als solche bezeichnet. Keiner der ausgestellten Märtyrer wurde von den Künstler*innen dazu gemacht. Die exemplarische Auswahl der ausgestellten Märtyrer diente dazu, aufzuzeigen, wie breit gefächert dieser Ausdruck über die Jahrhunderte hinweg genutzt wurde und wie wandelbar dieser im ideologischen wie geografischen Kontext zum Einsatz kam: Er bezieht sich auf Menschen, die bereit sind, für ihre Überzeugung zu sterben, um ihre politischen Positionen in unterschiedlichen Regimen und Religionen zu erhalten und zu festigen. Viele geistlich und weltlich anerkannten Märtyrer waren auch Täter wie z. B. der heilige Olaf in den Glaubenskriegen. Die Künstler*innen distanzieren sich von jeder Form von Gewalt und Terror und wollen den Begriff des Märtyrers differenzierter betrachtet wissen.

"All the martyrs in the artwork have been appointed martyr by either a state, religion or an organization. None of the martyrs have been appointed by the artists. The selection in the martyr museum has been made to show how widely the term martyr has been used and how inconsistently it has been used in different contexts and geographical locations throughout history and how people who were prepared to die for what they believe can be used as an icon to gain political position by various regimes and religions."

Die erhitzten Debatten dauern an und so meldet sich das künstlerische Team hiermit erneut zu Wort. Der primäre Unmut scheint auf dem Missverständnis zu beruhen, die gezeigten Märtyrer würden auch der privaten Auswahl der Künstler*innen entsprechen, diese würden eine öffentliche Plattform missbrauchen, um die in der Ausstellung gezeigten Märtyrer zu huldigen. Nichts davon ist in dem eigentlichen Werk zu sehen: Über einen Audioguide werden vier Biografien vorgestellt, die aus diversen Motivationen zu Märtyrern wurden. Ihre Motivationen und Taten werden in keiner Weise verherrlicht. Terroristen werden als Terroristen benannt, Geiseln als Geiseln, Mörder als Mörder. Das "gleißende Licht", das Die Welt in ihrer Ausstellungskritik gesehen haben will, ist nirgends zu erkennen. Es gibt keine Detonationen, keine schockierenden Bilder.

Die Ausstellung hat ein großes Presseinteresse ausgelöst. Jedoch bis auf zwei bis drei Pressevertreter hat die Ausstellung kaum einer gesehen und die Arbeit trotzdem beurteilt und kritisiert. Daher laden wir nochmals alle ein, die Ausstellung bis zum 6.12. zu besuchen. Außerdem wird es im Studio 1 des Kunstquartiers Bethanien am 6.12. um 19h aufgrund der Entwicklung der letzten Tage und der hitzig geführten Debatte ein Abschlussgespräch mit Experten und den Künstler*innen geben.

Statement zum „Märtyrermuseum“

(Berlin, 30.11.17) Das am 29.11. im Rahmen des NORDWIND-Festivals eröffnete „Märtyrermuseum“ löste bei Presse, via Facebook und bei einigen Berliner Politikern gleichermaßen heftige Reaktionen aus. Zwar ist es das Ziel der Ausstellung, eine Diskussion über den Begriff des Märtyrers in Gang zu setzen, allerdings wünschen wir uns, dass man sich zunächst die Ausstellung ansieht, bevor man sich ein Urteil bildet. Viele der FB-Nutzer oder die in der Presse zitierten Politiker haben sich die Ausstellung noch gar nicht angesehen. Daher möchten wir alle, die sich an dieser Diskussion beteiligen einladen, sich selbst ein Bild vom „Märtyrermuseum“ zu machen und dann mit uns darüber zu diskutieren. Denn auch bei der Premiere des „Märtyrermuseums“ 2016 in Kopenhagen zeigte sich, dass entrüstete Politiker nach einem Besuch des Museums ihre Meinung änderten. Es geht uns darum, einen differenzierten Blick auf die Welt der ‚Märtyer‘ zu werfen und wir verstehen, dass jeder dabei einen anderen Blickwinkel hat. Aber gerade um den persönlichen Blickwinkel geht es in dieser Ausstellung.

Das "Märtyrermuseum", konzipiert von dem jungen dänischen Künstlerkollektiv TOETT - The Other Eye of The Tiger, setzt sich epochenübergreifend mit den Taten, dem persönlichen Leben und den Toden von Märtyrer*innen auseinander. Das „Märtyrermuseum“ ist Teil des NORDWIND-Programms 2017 in Berlin (29.11.-6.12.2017) und Hamburg (8.-16.12.).

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Uhrzeitänderungen:

Laurent Chétouane & Vincent Sekwati Koko Mantsoe / DI, 07.11. / 20:00 Uhr

Lilibeth Cuenca Rasmussen / DI, 07.11. / 21:30 Uhr

Qudus Onikeku & Arnbjörg Danielsen / SA, 11.11. / 18:15 Uhr

Markus Öhrn / SA, 11.11. / 21:00 Uhr

FouFou und Shatter Hands - Eröffnungsparty

Di., 07.11.17, 22:00 Uhr, Silent Green

Zum Ausklang des ersten Tages treffen sich alle zum Tanzen und Feiern, die noch nicht genug Eindrücke für den Tag gesammelt haben: das dänische Duo DJ FOUFOU und SHATTER HANDS heizen dem Berliner Publikum ein, schlagen eine Brücke zwischen nordischen und afrikanischen Sounds und eröffnen Nordwind 2017 mit funkigen Klängen, tiefgründigen Bässen und smoothen Beats. Ob vorne in der ersten Reihe tanzen oder einfach nur die Augen schließen und genießen – hier ist für jede*n was dabei.

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DE Ricarda Ciontos ist seit 2006 Gründerin und künstlerische Leiterin des NORDWIND Festivals. Solvej Helweg Ovesen ist die diesjährige Chefkuratorin des Projektes 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving', sie ist derzeit außerdem künstlerische Leiterin der Galerie Wedding sowie Gründerin von 'GROSSES TREFFEN' in den Nordischen Botschaften Berlin. Sie hat als Kuratorin besonders viel mit afrikanischen und nordischen Künstler*innen gearbeitet. Das NORDWIND Festival, das jahrelang auf die Präsentation von nordischen und arktischen Künstler*innen fokussiert war, versteht sich dieses Jahr erstmals als internationale Plattform und bringt nordische und arktische Künst­ler*innen mit Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent zusammen.

Ein Gespräch.

Das NORDWIND Festival war jahrelang auf die Präsentation von ausschließlich nordischen Künstler*innen fokussiert, warum habt ihr euch dieses Jahr mit dem Projekt 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving' dafür entschieden, Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent und aus der Arktis miteinander in Kontakt zu bringen und zu einem Festival einzuladen?

RC Es stellt sich natürlich die Frage: Warum tauchen plötzlich afrikanische Künstler*innen in einem nordischen Festival auf? Der Grund, warum ich mich von der ausschließlichen Fokussierung auf nordische Positionen entfernt habe, liegt darin, dass ich während der Recherche viele Parallelen zwischen den Künstler*innen aus dem nordischen Raum und vom afrikanischen Kontinent gefunden habe, insbesondere in Bezug auf die Auseinandersetzung mit postkolonialer Vergangenheit, deren Wunden, aber auch Identitäten und die Entwicklung von Strategien für die Zukunft. Es geht ja nicht nur um das Narrativ der Vergangenheit, sondern vor allem auch um die Frage, wie gehen wir weiter. 'Songs of a melting iceberg – Displaced without moving' beschreibt den Moment der Transformation, wo sich das Alte verflüchtigt und etwas Neues die Möglichkeit hat, zu entstehen.

SHO Was mich interessiert, ist erstmal die Dekolonialisierung u.a. von den unterschiedlichen Ländern sowie im Speziellen von Grönland. Was ich sehr spannend an der Kombination von nordischen und afrikanischen Künstler*innen finde, sind die künstlerischen Parallelen, beispielsweise der Einsatz von Throat Singing und Maskentanz. Das Festival schafft eine Art dritten Raum zwischen der Arktis und dem afrikanischen Kontinent. Sowohl in der Arktis durch die Eisflächen als auch auf dem afrikanischen Kontinent mit den Savannen und Wüsten gibt es die offenen Landschaften, die ein anderes Verhältnis des Körpers zu seiner Umgebung fordern: In dem Sinne, dass die Natur stärker und präsenter als der Mensch ist und den Menschen angreift. Dadurch entsteht ein Zeit- und Raumgefühl, das von der Umwelt abhängig ist, anders als wir es beispielsweise in der Großstadt leben, wo wir uns jederzeit mächtig über Natur und Zeit fühlen.

RC Es gibt für uns ein Projekt im Rahmen von NORDWIND, das die Begegnung von Künstler*innen aus dem nordischen Raum und vom afrikanischen Kontinent exemplarisch beschreibt: So haben sich durch unsere Intervention, die beiden Künstler*innen Qudus Onikeku aus Nigeria und Arnbjörg Danielsen aus Island getroffen. Danielsen leitet ein kleines Kunstfestival in Grönland, das Disko Art Festival, zu dem sie regelmäßig Artists in Residence einlädt. Onikeku war da, die beiden hatten eine sehr inspirierende Begegnung und werden nun für NORDWIND eine gemeinsame Arbeit kreieren. Um diese Art von kreativem Austausch und Zusammenarbeit geht es bei dem Projekt. Des Weiteren ist das Themenfeld der Landesgrenzen, die Definitionen von Nation und Zugehörigkeit in unserer Recherche sehr wichtig gewesen. Klar kann NORDWIND erst mal als ein Festival verstanden werden, das sich ausschließlich auf nordische Künstler*innen konzentriert, aber es gibt bei uns einen Grund für die Transformation von einem regionalen, geographisch eingegrenzten Festival zu einer internationalen Plattform und das hat viel damit zu tun, dass wir diese Begriffe hinterfragen und diese Auseinandersetzung auch auf die kuratorische Praxis anwenden.

Worin bestehen die Besonderheiten, Gegensätze, Gemeinsamkeiten der eingeladenen Künstler*innen aus eurer Sicht?

RC Wir haben nach Künstler*innen gesucht, die sich mit der Thematik des Postkolonialismus, Identitätskonstruktionen, Nationalität und ökologischen Veränderungen beschäftigen. Des Weiteren interessieren uns Künstler*innen, die für einen gegenseitigen Austausch offen sind. Für mich war außerdem auch eine weibliche Perspektive interessant, insbesondere ein weiblicher Blick auf Kolonialismus als Geschichtsphänomen, das auf der Machtseite hauptsächlich von Männern zu verantworten ist.

SHO Für mich war wichtig, dass die Künstler*innen, sich selbst als Interpret*in sehen und auf innovative Weise mit ihren Positionen, Verortungen, ihrem Körper und mit alten lokalen und kolonialen Machtverhältnissen umgehen. Beispielsweise thematisiert der südafrikanische Künstler Athi-Patra Ruga die eigene Selbstdarstellung und die Blicke auf den als 'exotisch' geltenden Männerkörper durch eine Wiederbelebung der Figur von Feral Benga und des westlichen Cabaret Négre, Lilibeth Rasmussen thematisiert den Bezug vom Körper zur Erde und Laakkuluk Williamson Bathory erfindet den traditionell grönländischen Maskentanz neu.

Das Festival ist während der einzelnen Festivaltage in Überthemen geordnet: Displacement, Embodiment, Borderlessness, Shamanism and Ecology, Roots and Foresight? Inwiefern bilden diese Begriffe einen Rahmen für das Festival?

SHO Die Themen lehnen sich an die Themensetzungen der eingeladenen Künstler*innen und Theoretiker*innen an und sind als tägliche Strukturierung des Festivals gedacht. Kurz gesagt ist unter Displacement das Thema Versetzung von Menschen als ein Effekt von Migration, Globalisierung und Umweltveränderungen zu verstehen; Embodiment hat damit zu tun, wie Erinnerung sich in Körper einschreibt und wie Körper gesellschaftlich gelesen werden oder gelesen werden möchten; Borderlessness verknüpft sich mit einem territorialen sowie gedanklichen Nomadismus. Shamanism in Verknüpfung mit der Idee von Ökologie ist ein Thema, wo der Umgang mit der Natur, Ethik und übermenschlichen Kräften rituell verhandelt wird.

RC Wichtig war uns auch der Foresight Aspekt, in dem Sinne, wo geht es jetzt hin? Wir werden innerhalb von einer Woche keine Lösungen präsentieren, aber deswegen ist auch das Symposium für uns sehr wichtig, weil eine so komplexe Thematik und Fragestellung, wie wir sie während des Festivals auf der künstlerischen Ebene behandeln, nicht ohne eine Debatte stattfinden soll, auf der auch unterschiedliche Postionen zugelassen sind und aufeinandertreffen. Es geht auch um den Ausblick auf weitere Projekte und Ideen für die Zukunft.

Wie seht ihr eure Position als Kuratorinnen und Gastgeberinnen? Wie ist die Zusammenarbeit mit den Künstler*innen zustande gekommen?

SHO Ich arbeite fast immer langfristig und oft mehrmals mit jede*r Künstler*in und anhand langer gemeinsamer inhaltlicher Gespräche produziere ich die Arbeiten mit ihnen gemeinsam.

RC Uns ist es wichtig gewesen, das Festival gemeinsam mit den Künstler*innen zu entwickeln, und dass wir Risiken auf uns nehmen, weil die meisten unserer Arbeiten Risikoproduktionen sind im Sinne von Auftragsarbeiten. Hier kommen Menschen zusammen, die noch nie zusammengearbeitet haben und damit gehen wir das Risiko ein, Arbeiten zu zeigen, die auch scheitern können. Wir sind Gastgeberinnen, aber eher in dem Sinne, dass wir diejenigen sind, die das Projekt mit den Künstler*innen zusammen entwickeln und das Projekt anstoßen und vor allem den Raum und die Möglichkeiten zur Verfügung stellen.

Das Gespräch führte Inga Bendukat.

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