Ausstellung - BALAGAN!!! Zeitgenössiche Kunst aus der früheren Sowjetunion und anderen mythischen Orten

kuratiert von David Elliot, Autor des Ausstellungskonzepts.


14. November bis 23. Dezember in Berlin

Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus
Kühlhaus am Gleisdreieck
MOMENTUM im Kunstquartier Bethanien


„Balagan!!!” sagt man auf russisch, um eine Farce, eine schöne Bescherung, das gottloseste aller Durcheinander zu beschreiben – und das mit größter Begeisterung. „Balagan!!!“ ist auch der Titel einer großen Ausstellung (kuratiert von David Elliott), die dazu einlädt, eine allzu bekannte Welt zu entdecken, in der Chaos und Missherrschaft sowie die daraus resultierende Sozialkomödie gnadenlos ausgestellt werden. Gezeigt werden über 150 Arbeiten von 65 Künstlern aus 15 Ländern des ehemaligen Ostblocks, die eins gemein haben: Sie sind aus dem Versuch der Künstler hervorgegangen, ihr Wissen und ihre Erlebnisse mit dem Wunsch nach einer neuen, hoffentlich besseren Zukunft für Leben und Kunst überein zu bringen. 
 
Spuren der Geschichte von BALAGAN sind in allen Künsten zu finden. Das russische Wort bedeutete ursprünglich „Jahrmarkt“. Ab dem 18. Jahrhundert wurde es mit den Aktivitäten der Menschen assoziiert, die dort arbeiteten: Puppenspieler, Clowns und Narren, die sich über die bestehende Ordnung lustig machten. Außerhalb des Jahrmarkts taucht es in den funkelnden Satiren von Nikolai Gogol (1809-1852) auf, bei den grübelnden, getriebenen Charakteren von Fjodor Dostojewski (1821-1881), in den Provokationen der Futuristen und nach der Revolution im Theater Meyerholds, im Proletkult, bei Agitprop-Gruppen, sowie  in den absurden Performances und Schriften von Daniil Charms (1905-1942). Seitdem haben sich der Begriff und das damit einhergehende Konzept in Russland und dem ehemaligen Ostblock weiter verbreitet, sowohl offen als auch im Untergrund, als auch in der Alltagssprache.
 
Parodie, Sarkasmus und Allegorie des BALAGAN sind nicht nur Schutzschild in Zeiten der Unterdrückung, sie liefern in ihrer Verkehrung der herrschenden Verhältnisse auch eine kritische Vision für ein besseres Leben. Wie in einem mittelalterlichen Moralitäten-Spiel werden die Banalität des gegenwärtigen Konsumismus und die damit verbundenen sozialen und finanziellen Übel spürbar gemacht. In der Arbeit Inverso Mundus (2015), einem überdimensionierten Video-„Fries” der Moskauer Künstler AES+F, werden die Armen  reich, die Klugen benehmen sich wie Dummköpfe, Heilige degenerieren zu Sündern, die Schwachen ergreifen die Macht. Kein Tabu von Macht und Vorrangstellung wird ausgelassen, während die Künstler den Kapitalismus in der ganzen Armseligkeit seiner Grundannahmen und Wertvorstellungen bloßstellen.
 
Der legendäre St. Petersburger Künstler Vladislav Mamyshev-Monroe (1969-2013) stellt die Verhältnisse in anderer Weise auf den Kopf. Er nimmt verschiedene Rollen an, unter anderem die der Hollywood-Ikone Marilyn Monroe. Ihr tragisches Schicksal wurde traurigerweise zu mehr als nur seinem Markenzeichen. Im Rahmen der Ausstellung wird erstmals in Deutschland eine Mini-Retrospektive seiner Bilder, Filme, Fotos und Performances gezeigt, darunter u. a. ein vollständiger Mitschnitt des Pirate TV, das Mamyshev-Monroe in den späten 80ern drei Jahre lang aus seiner Wohnung sendete – als Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler. In Pirate TV spielt er die Rolle eines unfähigen Talkshow-Moderators, der Künstler und Kuratoren interviewt, Ausstellungen besucht und in die Rollen von Marilyn und anderen Berühmtheiten schlüpft. Seine Auftritte als Sherlock Holmes, Jesus, Adolf Hitler, Lyubov Orlova, Eva Braun, Lolita, Maria Ivanova (eine russische Spionin), als Helden und Heldinnen aus russischen Volkssagen und als Mitglieder der aktuellen russischen Regierung werden darüber hinaus auch in weiteren Filmen, Fotos, Collagen und Gemälden gezeigt, in denen das Burleske mit Sympathie und Menschlichkeit in einen krassen Gegensatz tritt, woraus ein einzigartiges Hybrid entsteht – Mamyshev-Monroes bleibendes künstlerisches Erbe
 
Stas Volyazlovsky, Elephants, 2013. Courtesy Regina Gallery Moscow. Mamyshew-Monroe, Lolita, 2009. Pavel Pepperstein, This tree saved me…, 2014 und Pavel Pepperstein, The faun and the Nimph, 2015. Courtesy Regina Gallery, Moscow..
 
In Kurchatka 22 (2012), einer Fünf-Kanal-Videoinstallation, die dokumentarisches Material mit phantastischen Elementen mischt, besucht die kasachische Künstlerin Almagul Menlibayeva (geb. 1969, Almaty) Semipalatinsk, das ehemals wichtigste sowjetische Atomwaffentestgelände. Sie filmt das verwüstete Gelände und führt Interviews mit alten Menschen, Überlebenden der Tests und der darauffolgenden Verstrahlung, die immer dort gelebt haben und ihre Erinnerungen an die frühen Explosionen schildern. Verwoben mit diesen Erinnungen und den Bildern von der trockenen Landschaft und den verfallenen Überresten von Büros und Laboren sind Erscheinungen enigmatischer weiblicher Geister – peris, Vogel-Mensch-Hybriden –, die sich die zerstörten Landstriche wieder aneignen. Wie die Furien der Griechischen Tragödie rufen sie das Schicksal und die Götter an, beklagen die Vergangenheit dieses verlassenen Ortes und rächen vergangene Untaten. Aber diese Kreaturen lassen auch die Vision einer verführerisch anderen Parallelwelt anklingen, die frei ist von der Wissenschaft und ihren zerstörerischen Folgen, und in der Menschen und Tiere wieder gefahrlos in der grenzenlosen Steppe umherstreifen.
Almagul Menlibayevas experimenteller Dokumentarfilm Transoxiana Dreams (2011) beschäftigt sich mit der sozialen, ökonomischen und ökologischen Situation der sogenannten Aralkum-Generation, jenen Menschen, die in der Region um den Aral-See leben, der infolge der radikalen Bewässerungspolitik der Sowjetunion seit den 1960ern massiv verlandet ist. Die Künstlerin zeigt den Einfluss dieser Politik auf die Einwohner der vormals florierenden Region zwischen Usbekistan, Tadschikistan und Süd-West-Kasachstan, wo es früher Tourismus, Strände und Fischereiflotten gegeben hatte. Heute leben die Menschen in der Trostlosigkeit einer stetig wachsenden Salzwüste. Aus der Perspektive einer Fischertochter erzählt Menlibayeva in einer traumähnlichen Mischung aus Dokumentation und Phantasie davon, wie die Menschen darum kämpfen, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu überleben.
 
Die Video-Arbeit Summertale (2008) der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra (geb. 1963, Warschau), ein Teil ihrer größter angelegten Serie In Art Dreams Come True, ist ein wildes zeitgenössisches Märchen, das als Horrorfilm endet. In einer Geschichte, die an Schneewittchen und die sieben Zwerge erinnert, sind die Zwerge weiblich und Schneewittchen tritt in Form von drei Figuren auf: Maestro (Grzegorz Pitułej, Gesangslehrer), Gloria Viagra (eine Berliner Drag-Queen) und die Künstlerin selbst, verkleidet als Alice im Wunderland. Die ruhige und idyllische Welt der weiblichen Zwerge wird von der Ankunft der drei brutalst gestört. Summertale fordert unerbittlich, dass der vorherige Status Quo wieder hergestellt werden müsse, und wird dadurch zur fesselnden Parabel zum moralischen Zustand der Gegenwart.
In der Video-Performance Diva. Reincarnation (2005), einem weiteren Teil der Serie In Art Dreams Come True, ist Kozyra in einem doppelten Käfig gefangen – wörtlich wie auch symbolisch. Gefangen in einem grotesken prothetischen Kostüm sitzt sie in einem übergroßen Vogelkäfig und singt die Olympia-Arie aus der Offenbach-Oper Hoffmanns Erzählungen. Munter trällernd verkörpert diese Diva sich selbst als groteske, urzeitliche, quasi-erotische Venus, als eine misstönende, perverse Parodie der gewohnten Performance von Weiblichkeit.
 
Die Blue Noses Group, ein Künstlerduo aus Sibirien, bestehend aus Alexander (Sasha) Shaburov und Vyacheslav (Slava) Mizin, wurde 1999 gegründet. Bekannt geworden für ihre satirischen und oftmals provokanten Arbeiten, die Fotografie, Video, Performance und Installation umfassen, verwenden die beiden Künstler stets low-tech-Produktionsmethoden,  um verschiedene Aspekte der russischen Gesellschaft, Kunst, Politik und Religion zu parodieren und zu kritisieren. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch einen rohen und dunklen, nahezu autistischen Humor aus, weshalb sie bisweilen als eine Art „Gottesnarren“ bezeichnet werden, zeitgenössische Äquivalente der Jurodiwy, mittelalterlicher Bettelmönche, von denen man glaubte, sie seien sowohl verrückt als auch göttlich inspiriert. Eine Auswahl ihrer Videos und Foto-Arbeiten wird in der Ausstellung zu sehen sein.
 
Sergey Bratkov wurde 1960 in Charkow/UdSSR (heute Charkiw/Ukraine) geboren und hat sich zunächst als Mitglieder der Gruppe Vremya (Zeit) einen Namen gemacht, einer Gruppe von Untergrund-Künstlern, die in ihren grenzüberschreitenden Arbeiten Tabus wie individuelle Sexualität und freien Willen verletzten. Später gründete er gemeinsam mit Boris Mikhailov (ebenfalls in der Ausstellung) und Sergil Solonskij die Fast Reaction Group, die absurde Performances und Gemälde produzierte, z. B. If I were a German (1994), die ironische Phantasie eines pornographischen Arkadiens für SS-Offiziere in der von Deutschland besetzten Ukraine. In der Ausstellung ist Bratkov mit der Foto-Serie Chapiteau Moscow (2012) vertreten. Gezeigt werden großformatige Drucke von zwei Fotomontagen, sowie Projektionen aller 60 Bilder. In Bezug auf diese Arbeit hat Bratkov den Moskauer Alltag wie folgt beschrieben: „So komisch, dass einem als erstes der Zirkus in den Sinn kommt, und Clowns mit traurigem Make-up im Gesicht… Im Theater ist jede Bewegung symbolisch und voller Bedeutung, während die Masse im Zirkus für ein Spektakel zusammenkommt, das viel näher an der Realität ist und deshalb auch viel riskanter. Im Zirkus könnte es durchaus passieren, dass ein Löwe den Dompteur frisst, dass ein Trapezkünstler abstürzt. Aber das wichtigste am Zirkus ist die Erwartung eines Wunders. Moskau ist eine Stadt mit einer unglaublichen Dichte von Risiko und Magie. Tausende Menschen reisen jedes Jahr dorthin, weil sie auf ein Wunder hoffen. Die Stadt ist ein Mythos, in dem jedermann unfassbar reich werden, eine Prinzessin heiraten und einen zweiköpfigen Drachen besiegen kann. Es ist ein Ort, an dem märchenhafte Schönheit und Reichtum mit grenzenloser Hässlichkeit und Armut in nächster Nachbarschaft leben; die beiden Extreme sind so eng miteinander verwoben, dass das eine nicht mehr ohne das andere existieren kann. Als der ‚Moskauer Zirkus‘ sich dazu entschieden hat, seinen Direktor langfristig zu behalten, kamen mir zwei Fragen in den Sinn: Wenn das Publikum aufgehört hat zu lachen und stattdessen in angespanntem Schweigen verharrt, ist es dann vielleicht an der Zeit, das Repertoire zu wechseln, und auch den Zirkusdirektor? Und, in Hinblick auf die Zukunft: Wann wird ein wahres Wunder geschehen und der Zirkus verschwinden?“ Derlei Gedanken und Perspektiven tauchen immer wieder in Bratkovs Arbeiten auf.
 
Arsen Savadov (geb. 1962, Kiew) wurde einer größeren Öffentlichkeit erstmals Mitte der 90er bekannt, als er eine Serie von Modefotos veröffentlichte, die spärlich bekleidete Models auf Friedhöfen zeigten, mit Begräbnisgesellschaften als Hintergrund. Die schockierende und provokante Gegenüberstellung von Leben und Tod, Frohsinn und Trauer, Macht und Schwäche, überführt in eine Allegorie von Schein und Sein, taucht bis heute immer wieder in seinen Arbeiten auf. Während des Strukturwandels in der neu gegründeten Ukraine begann er in Industrieanlagen zu arbeiten, zunächst im Kohlerevier von Donezk. Die großformatigen Fotos der Serie Donbass-Chocolate (1997) zeigen Detailaufnahmen der halbnackten, staub- und kohleverschmierten Körper ehemaliger Bergarbeiter, einst Helden der Arbeit Stachanowscher Prägung, im Foto nun erbärmliche und verletzliche Figuren, gehüllt in die zarten Rüschen von Ballett-Tutus. Für die Folgeserie Collective Red (1998) ist Savadov ins Schlachthaus gewechselt, wo die ursprünglich heroische Geschichte vom Kampf gegen den Minotauros von den Schlachtern in einem blutüberströmten Raum nachgestellt wird. Der Minotauros wird von einem nackten Mann gespielt, der einen echten Stierkopf trägt. In einem „Moment der Wahrheit“ tritt ihm der elegant gekleidete Matador Aug in Aug entgegen. Saradovs jüngste Foto-Serie, Commedia dell’Arte in Crimea (2012), eine Referenz zu sowohl balagan als auch Picassos Blauer Periode, versetzt die traditionelle Geschichte von Pagliaccio, Arlecchino und Colombina in die zeitlose Umgebung der Villen, Küsten und Wälder der Krim – der gegenwärtige Konflikt mit Russland verleiht der Arbeit ungeahnte Aktualität. In dieser absurden, melancholischen Allegorie eines Brudermords wirken die beteiligten Figuren wie gefroren, unfähig zu handeln, ohne Überzeugungen oder Zukunft. In der Ausstellung werden drei großformatige Drucke aus dieser Serie gezeigt, sowie Projektionen von allen 19 Bildern.
 
Die Moskauer Künstlerin Olga Chernysheva (geb. 1962, Moskau) arbeitet mit Film, Fotografie, Malerei und Zeichnung. In ihren Arbeiten entwirft sie eine vielschichtige Anthropologie der post-sowjetischen Gesellschaft; mit einer einzigartigen Mischung aus lyrischem Ausdruck, Humor und Melancholie untersucht sie dabei auch die Rolle der Künstlerin als Beobachterin und Chronistin. Im Video Trashman (2011) setzt sie ihre Untersuchungen „typischer Charakter unter typischen Bedingungen“ im Kontext illegaler Wanderarbeiter aus den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken fort, die „unsichtbar“ schlecht bezahlte Zeitarbeit machen. Für die Ausstellung wird zudem eine neue Arbeit entstehen: eine lebensgroße Zeichnung eines zeitgenössischen Moskauer „Pierrots“.
 
Sasha Pirogova (geb. 1986, Moskau), preisgekrönte Absolventin der Rodtschenko-Schule, ist eine der wenigen jungen Moskauer Künstlerinnen, die im Medium Performance arbeiten. In ihren Arbeiten sind Menschen zu sehen, die sich automatisch an die Mechanik ihrer physischen Umgenug anpassen und ihre Autonomie an Rhythmus und Struktur der ihnen gestellten Arbeitsaufgabe abtreten. Ihre Video-Performance BIBLIMLEN (2013) ist ein Blick hinter die Kulissen der Russisschen Staatsbibliotek in Moskau (die ehemalige Lenin-Bibliothek), deren Innenausstattung zum aktiven Co-Autor der Arbeit wird. Ihre Schrauben, Muttern, Regale und Aufzüge gebären Figuren, die direkt mit der Struktur der Bibliothek kommunizieren, so als seien sie von ihr verzaubert. Die ältere Video-Performance QUEUE (2011) basiert auf Vladimir Sorokins Roman The Queue (1983), „einer grotesk lustigen Saga über eine ur-russische Institution, die unendlich lange Warteschlange“ (New York Times, 2011). Pirogova erschafft eine absurde Choreographie aus Hysterie, Abhängigkeiten und Sippschaften und überführt den Text so in einen Tanz, der die Schlange weniger als physischen Zustand, sondern als psycho-soziales Leiden unserer Zeit erscheinen lässt. Zusätzlich zu den in der Ausstellung gezeigten Video-Arbeiten wird Pirogova in Berlin auch eine neue Arbeit performen, die im Auftrag von BALAGAN!!! entstanden ist.
 
Oleg Ustinov (geb. 1962, Rostow am Don, Krim), ebenfalls Absolvent der Rodtschenko-Schule, sorgte 2013 für einen Aufruhr in den russischen Medien, als er in Moskauer Wohnsiedlungen offiziell wirkende Dokumente aushängte, die, unterzeichnet von „der Verwaltung“, die Bewohner dazu aufforderten, nach Anzeichen für sexuelle „Abnormalität“ Ausschau zu halten und diese im Rathaus zu melden. Die meisten Menschen nahmen die Aushänge ernst und waren verblüfft. Manche versuchten unter der abgedruckten Telefonnummer anzurufen, um eine Meldung zu machen oder gegen die Aushänge zu protestieren, andere ignorierten sie einfach. Als die Welle absurder Aushänge und öffentlicher Reaktionen immer weiter anschwoll, nahmen Zeitungen und Fernsehsender sich der Geschichte an, die mittlerweile weit über eine Diskussion der Definition von „Abnormalität“ hinausgewachsen war und sich in eine Detektivgeschichte über die Suche nach dem Ursprung der Aushänge verwandelt hatte. Die in der Ausstellung gezeigte Arbeit besteht aus der Rekonstruktion eines der Dokumente, die Ustinov in einem öffentlichen Durchgang ausgehängt hatte, sowie einer Dokumentation der Medien-Reaktionen.
 
In der Ein-Kanal-Videoinstallation Dog Luv (2009) des rumänischen Künstlers Ciprian Mureşan (geb. 1977, Dej), einem abstrusen Puppenspiel Orwell’scher Prägung, äußern sich mehrere Hunde enthusiastisch zu einer breiten Palette politischer Fragen und Ungerechtigkeiten – ihre Zustimmung oder Ablehnung geben sie mit energischem Bellen kund. In diesem Vakuum zwischen Entscheidungsgewalt und Debattenkultur ironisiert Mureşan menschliche Werte, indem er die Gefahren und Möglichkeiten untersucht, die Widerstand gegen Unterdrückung mit sich bringt. In der vergifteten Atmosphäre seiner hündischen Ellbogengesellschaft werden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Eigenschaften deutlich, die gewöhnlicherweise für zusammenhanglos gehalten werden: Gewalttätigkeit und Unschuld, Vorausschau und Unreife, Altruismus und Arroganz.
 
Diese Arbeiten sind nur einige Beispiele aus BALAGAN!!! Wie der Titel bereits andeutet, werden darin zeitgenössische Mythologien vorgestellt, welche die Vergangenheit transformieren, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu schaffen. Aber besser für wen? Vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Generationszugehörigkeiten, Perspektiven und Herkunftsorte kommen die teilnehmenden Künstler zu unterschiedlichen Schlüssen darüber, worin das Leid der Gegenwart besteht.  Sie beschäftigen sich mit den Gründen und Folgen des balagan in nationaler Identität, Religion, Gender, Politik und ökologischem Wandel und machen sie in kritischer Rahmung sichtbar.  Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen balagan als einem Modus der Kritik und einem chronischen Zustand der Realität. Viele Menschen in dieser Welt haben keine Alternative zu einem Leben im Chaos – das unkontrolliert schnell zu einem Mittel der Unterdrückung werden kann. Balagan offenbart sein wandelbares, ausbeuterisches Naturell. 



 

Künstler


 
AES + F [RU]
Afrika (Sergey Bugaev) [RU]             
Vyacheslav Akhunov [UZ]                                  
Shaarbek Amankul [KG]
Evgeny Antufiev [RU]
Lutz Becker [UK/DE]
Blue Noses Group [RU]
Sergey Bratkov [UA]
Yvon Chabrowski [DE/DDR]
Olga Chernysheva [RU]
Valery Chtak [RU]
Chto Delat? [RU] 
Vladimir Dubossarsky [RU]
Andrej Dubravsky [SK]
Natalia Dyu [KZ]
Sasha Frolova [RU]
Ivan Gorshkov [RU]
Georgy Guryanov [RU]
Dmitry Gutov [RU]
Sitara Ibrahimova [AZ]
Nikita Kadan [UA]
Aleksey Kallima [RU]
Polina Kanis [RU]
Krištof Kintera [CZ]
Fraancizka Klotz [DE/DDR]
Irina Korina [RU]
Egor Koshelev [RU]
Katarzyna Kozyra [PO]
Olya Kroytor [RU]
Gaisha Madanova [KZ]
Vladislav Mamyshev-Monroe 
   mit Timur Novikov & Yuris Lesnik [RU]
Natalie Maximova [RU]
Yerbossyn Meldibekov [KZ]
Almagul Menlibayeva [KZ]
Boris Mikhailov [UA]
Ciprian Mureşan [RO]
Kriszta Nagy (Tereskova) [HU]
Deimantas Narkevičius [LI]
Ioana Nemes [RO]
Pavel Pepperstein [RU]
PIRATE TV (RU)
Sasha Pirogova [RU]
RECYCLE Group [RU]
Mykola Ridnyi [UA]
Arsen Savadov [UA]
Mariya Sharova / Dmitriy Okruzhnov [RU]
Haim Sokol [RU]
Slavs and Tatars [Eurasia]
Leonid Tishkov [RU]
Aleksandr Ugay [KZ]
Oleg Ustinov [RU]
Anastasia Vepreva [RU]
VMS Group [RU]
Stas Volyazlovsky [UA]
Viktor Vorobyev / Elena Vorobyeva [KZ]
Vadim Zakharov [RU]
Sergey Zarva [UA]
ZIP Group [RU]
Artur Žmijewski [PO]
Constantin Zvezdochotov [RU]