BALAGAN!!! - Zeitgenössiche Kunst aus der früheren Sowjetunion und anderen mythischen Orten​

kuratiert von David Elliot, Autor des Ausstellungskonzepts

20. bis 28. November in Dresden

HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste


„Balagan!!!” sagt man auf russisch, um eine Farce, eine schöne Bescherung, das gottloseste aller Durcheinander zu beschreiben – und das mit größter Begeisterung. „Balagan!!!“ ist auch der Titel einer großen Ausstellung (kuratiert von David Elliott), die dazu einlädt, eine allzu bekannte Welt zu entdecken, in der Chaos und Missherrschaft sowie die daraus resultierende Sozialkomödie gnadenlos ausgestellt werden. Die in Hellerau gezeigten Arbeiten sind Teil dieses Projekts. 

​Spuren der Geschichte von BALAGAN sind in allen Künsten zu finden. Das russische Wort bedeutete ursprünglich „Jahrmarkt“. Ab dem 18. Jahrhundert wurde es mit den Aktivitäten der Menschen assoziiert, die dort arbeiteten: Puppenspieler, Clowns und Narren, die sich über die bestehende Ordnung lustig machten. Außerhalb des Jahrmarkts taucht es in den funkelnden Satiren von Nikolai Gogol (1809-1852) auf, bei den grübelnden, getriebenen Charakteren von Fjodor Dostojewski (1821-1881), in den Provokationen der Futuristen und nach der Revolution im Theater Meyerholds, im Proletkult, bei Agitprop-Gruppen, sowie  in den absurden Performances und Schriften von Daniil Charms (1905-1942). Seitdem haben sich der Begriff und das damit einhergehende Konzept in Russland und dem ehemaligen Ostblock weiter verbreitet, sowohl offen als auch im Geheimen, sowohl in künstlerischen Arbeiten als auch in der Alltagssprache.
Parodie, Sarkasmus und Allegorie des BALAGAN sind nicht nur Schutzschild in Zeiten der Unterdrückung, sie liefern in ihrer Verkehrung der herrschenden Verhältnisse auch eine kritische Vision für ein besseres Leben.
 
Almagul Menlibayeva, Kurchatov 22, 2012. © All rights reserved. Courtesy American-European Art Advisors LLC © An Epoch of clemency, Blue Noses, 2015 © Sasha Pirogova, BIBLIMEN, 2013. Courtesy the artist
 

Vladislav Mamyshev-Monroe (1969-2013) lebte zur Zeit der Perestroika in Leningrad und schlug eine für die russische Kunst damals vollkommen neue Richtung ein: Er nahm verschiedene Rollen an, unter anderem die der Hollywood-Ikone Marilyn Monroe – ihr tragisches Schicksal wurde traurigerweise zu mehr als nur seinem Markenzeichen. In den späten 80ern sendete er aus seiner Wohnung das Pirate TV, für das er nicht nur die Rolle des Drehbuchautoren und Regisseurs übernahm, sondern auch die eines unfähigen Talkshow-Moderators, der Künstler und Kuratoren interviewt, Ausstellungen besucht und in verschiedenen Zwischenspielen in die Rollen von Marilyn und anderen Berühmtheiten schlüpft. Nirgends werden Mamyshev-Monroes manische Energie und sein exzentrischer Schauspiel-Stil deutlicher als in Pirate TV, wo das Burleske mit Sympathie und Humanität in einen krassen Gegensatz tritt, so dass ein einzigartiges Hybrid entsteht – Mamyshev-Monroes bleibendes künstlerisches Erbe.

Die Blue Noses Group, ein Künstlerduo aus Sibirien, bestehend aus Alexander (Sasha) Shaburov und Vyacheslav (Slava) Mizin, wurde 1999 gegründet. Bekannt geworden für ihre satirischen und oftmals provokanten Arbeiten, die Fotografie, Video, Performance und Installation umfassen, verwenden die beiden Künstler stets low-tech-Produktionsmethoden,  um verschiedene Aspekte der russischen Gesellschaft, Kunst, Politik und Religion zu parodieren und zu kritisieren. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch einen rohen und dunklen, nahezu autistischen Humor aus, weshalb sie bisweilen als eine Art „Gottesnarren“ bezeichnet werden, zeitgenössische Äquivalente der Jurodiwy, mittelalterlicher Bettelmönche, von denen man glaubte, sie seien sowohl verrückt als auch göttlich inspiriert.

Der experimentelle Dokumentarfilm Transoxiana Dreams (2011) der kasachischen Künstlerin Almagul Menlibayeva (geb. 1969, Almaty) beschäftigt sich mit der sozialen, ökonomischen und ökologischen Situation der sogenannten Aralkum-Generation, jenen Menschen, die in der Region um den Aral-See leben, der infolge der radikalen Bewässerungspolitik der Sowjetunion seit den 1960ern massiv verlandet ist. Die Künstlerin zeigt den Einfluss dieser Politik auf die Einwohner der vormals florierenden Region zwischen Usbekistian, Tadschikistan und Süd-West-Kasachstan, wo es früher Tourismus, Strände und Fischereiflotten gegeben hatte. Heute leben die Menschen in der Trostlosigkeit einer stetig wachsenden Salzwüste. Aus der Perspektive einer Fischers-Tochter erzählt Menlibayeva in einer traum-ähnlichen Mischung aus Dokumentation und Phantasie davon, wie die Menschen darum kämpfen, unter den neuen Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu überleben. 

Die Video-Arbeit Summertale (2008) der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra (geb. 1963, Warschau), ein Teil ihrer größter angelegten Serie In Art Dreams Come True, ist ein wildes zeitgenössisches Märchen, das als Horrorfilm endet. In einer Geschichte, die an Schneewittchen und die sieben Zwerge erinnert, sind die Zwerge weiblich und Schneewittchen tritt in Form von drei Figuren auf: Maestro (Grzegorz Pitułej, Gesangslehrer), Gloria Viagra (eine Berliner Drag-Queen) und die Künstlerin selbst, verkleidet als Alice im Wunderland. Die ruhige und idyllische Welt der weiblichen Zwerge wird von der Ankunft der drei brutalst gestört. Summertale fordert unerbittlich, dass der vorherige Status Quo wieder hergestellt werden müsse, und wird dadurch zur fesselnden Parabel zum moralischen Zustand der Gegenwart.
In der Video-Performance Diva. Reincarnation (2005), einem weiteren Teil der Serie In Art Dreams Come True, ist Kozyra in einem doppelten Käfig gefangen – wörtlich wie auch symbolisch. Gefangen in einem grotesken prothetischen Kostüm sitzt sie in einem übergroßen Vogelkäfig und singt die Olympia-Arie aus der Offenbach-Oper Hoffmanns Erzählungen. Munter trällernd verkörpert diese Diva sich selbst als groteske, urzeitliche, quasi-erotische Venus, als eine misstönende, perverse Parodie der gewohnten Performance von Weiblichkeit. 

Leonid Tishkov (geb. 1953, Nizhnye Sergi) wurde im Ural geboren und lebt heute in Moskau. Sein poetisches und metaphysisches ?uvre umfasst eine breite und unkonventielle Spanne von Medien, darunter Installation, Skulptur, Video, Fotografie, Papierarbeiten und Bücher. Zu großer Bekanntheit kam er durch das soziale und künstlerische Projekt DABLOIDS, das er unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion initiierte. DABLOIDS sind rotgefärbte Kreaturen, die nur aus kleinen Köpfen auf großen Füßen bestehen und als Embleme der Last persönlicher Erfahrungen, Ansichten und Vorurteile verstanden werden können. Sie sind eine ironische Repräsentation all der Symbole und Meinungen in Bezug auf Heimat, Nation und Religion und somit Ausdruck von Sprache, Geschichte und sozialer Identität. Und, wie der Künstler einmal warnte: „Ausländische Dabloids können gefährlich sein!“ – ein Fakt, den sein Kurzfilm War with Dabloids von 1998 deutlich belegt.

Sasha Pirogova (geb. 1986, Moskau), preisgekrönte Absolventin der Rodtschenko-Schule, ist eine der wenigen jungen Moskauer Künstlerinnen, die im Medium Performance arbeiten. In ihren Arbeiten sind Menschen zu sehen, die sich automatisch an die Mechanik ihrer physischen Umgenug anpassen und ihre Autonomie an Rhythmus und Struktur der ihnen gestellten Arbeitsaufgabe abtreten. Ihre Video-Performance BIBLIMLEN (2013) ist ein Blick hinter die Kulissen der Russisschen Staatsbibliotek in Moskau (die ehemalige Lenin-Bibliothek), deren Innenausstattung zum aktiven Co-Autor der Arbeit wird. Ihre Schrauben, Muttern, Regale und Aufzüge gebären Figuren, die direkt mit der Struktur der Bibliothek kommunizieren, so als seien sie von ihr verzaubert. Die ältere Video-Performance QUEUE (2011) basiert auf Vladimir Sorokins Roman The Queue (1983), „einer grotesk lustigen Saga über eine ur-russische Institution, die unendlich lange Warteschlange“ (New York Times, 2011). Pirogova erschafft eine absurde Choreographie aus Hysterie, Abhängigkeiten und Sippschaften und überführt den Text so in einen Tanz, der die Schlange weniger als physischen Zustand, sondern als psycho-soziales Leiden unserer Zeit erscheinen lässt. Zusätzlich zu den in der Ausstellung gezeigten Video-Arbeiten wird Pirogova in Berlin auch eine neue Arbeit performen, die im Auftrag von BALAGAN!!! entstanden ist.

In der Ein-Kanal-Videoinstallation Dog Luv (2009) des rumänischen Künstlers Ciprian Mureşan (geb. 1977, Dej), einem abstrusen Puppenspiel Orwell’scher Prägung, äußern sich mehrere Hunde enthusiastisch zu einer breiten Palette politischer Fragen und Ungerechtigkeiten – ihre Zustimmung oder Ablehnung geben sie mit energischem Bellen kund. In diesem Vakuum zwischen Entscheidungsgewalt und Debattenkultur ironisiert Mureşan menschliche Werte, indem er die Gefahren und Möglichkeiten untersucht, die Widerstand gegen Unterdrückung mit sich bringt. In der vergifteten Atmosphäre seiner hündischen Ellbogengesellschaft werden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Eigenschaften deutlich, die gewöhnlicherweise für zusammenhanglos gehalten werden: Gewalttätigkeit und Unschuld, Vorausschau und Unreife, Altruismus und Arroganz. 

Diese Arbeiten sind nur einige Beispiele aus der BALAGAN!!! Wie der Titel bereits andeutet, werden darin zeitgenössische Mythologien vorgestellt, welche die Vergangenheit transformieren, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu schaffen. Aber besser für wen? Vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Generationszugehörigkeiten, Perspektiven und Herkunftsorte kommen die teilnehmenden Künstler zu unterschiedlichen Schlüssen darüber, worin das Leid der Gegenwart besteht.  Sie beschäftigen sich mit den Gründen und Folgen des balagan in nationaler Identität, Religion, Gender, Politik und ökologischem Wandel und machen sie in kritischer Rahmung sichtbar.  Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen balagan als einem Modus der Kritik und einem chronischen Zustand der Realität. Viele Menschen in dieser Welt haben keine Alternative zu einem Leben im Chaos – das unkontrolliert schnell zu einem Mittel der Unterdrückung werden kann. Balagan offenbart sein wandelbares, ausbeuterisches Naturell.



 

Mit Arbeiten von:



Blue Noses Group [RU]
Katarzyna Kozyra [PO]
Almagul Menlibayeva [KZ]
Ciprian Mureşan [RO]
Sasha Pirogova [RU]
Leonid Tishkov [RU]