BALAGAN!!! Zeitgenössiche Kunst aus der früheren Sowjetunion und anderen mythischen Orten

kuratiert von David Elliot, Autor des Ausstellungskonzepts


27. November bis 5. Dezember in Hamburg

Kampnagel


„Balagan!!!” sagt man auf russisch, um eine Farce, eine schöne Bescherung, das gottloseste aller Durcheinander zu beschreiben – und das mit größter Begeisterung. „Balagan!!!“ ist auch der Titel einer großen Ausstellung (kuratiert von David Elliott), die dazu einlädt, eine allzu bekannte Welt zu entdecken, in der Chaos und Missherrschaft sowie die daraus resultierende Sozialkomödie gnadenlos ausgestellt werden. Die auf Kampnagel gezeigten Arbeiten sind Teil dieses Projekts.
 
Spuren der Geschichte von BALAGAN sind in allen Künsten zu finden. Das russische Wort bedeutete ursprünglich „Jahrmarkt“. Ab dem 18. Jahrhundert wurde es mit den Aktivitäten der Menschen assoziiert, die dort arbeiteten: Puppenspieler, Clowns und Narren, die sich über die bestehende Ordnung lustig machten. Außerhalb des Jahrmarkts taucht es in den funkelnden Satiren von Nikolai Gogol (1809-1852) auf, bei den grübelnden, getriebenen Charakteren von Fjodor Dostojewski (1821-1881), in den Provokationen der Futuristen und nach der Revolution im Theater Meyerholds, im Proletkult, bei Agitprop-Gruppen, sowie  in den absurden Performances und Schriften von Daniil Charms (1905-1942). Seitdem haben sich der Begriff und das damit einhergehende Konzept in Russland und dem ehemaligen Ostblock weiter verbreitet, sowohl offen als auch im Geheimen, sowohl in künstlerischen Arbeiten als auch in der Alltagssprache.
 
Parodie, Sarkasmus und Allegorie des BALAGAN sind nicht nur Schutzschild in Zeiten der Unterdrückung, sie liefern in ihrer Verkehrung der herrschenden Verhältnisse auch eine kritische Vision für ein besseres Leben. Die Moskauer Künstlerin Olga Chernysheva (geb. 1962, Moskau) zum Beispiel entwirft in Filmen, Fotografien, Malerei und Zeichnungen eine vielschichtige Anthropologie der post-sowjetischen Gesellschaft; mit einer einzigartigen Mischung aus lyrischem Ausdruck, Humor und Melancholie untersucht sie dabei auch die Rolle der Künstlerin als Beobachterin und Chronistin. Im Video Trashman (2011) setzt sie ihre Untersuchungen „typischer Charakter unter typischen Bedingungen“ im Kontext illegaler Wanderarbeiter aus den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken fort, die „unsichtbar“ schlecht bezahlte Zeitarbeit machen.
 
© Donbass-Chocolate by Arsen Savadov, 1997. © Commedia Dell'Arte in crimea by Arsen Savadov, 2012. Chapiteau Moscow by Sergey Bratkov, 2012 © Regina Art Gallery

Arsen Savadov (geb. 1962, Kiew) wurde einer größeren Öffentlichkeit erstmals Mitte der 90er bekannt, als er eine Serie von Modefotos veröffentlichte, die spärlich bekleidete Models auf Friedhöfen zeigten, mit Begräbnisgesellschaften als Hintergrund. Die schockierende und provokante Gegenüberstellung von Leben und Tod, Frohsinn und Trauer, Macht und Schwäche, überführt in eine Allegorie von Schein und Sein, taucht bis heute immer wieder in seinen Arbeiten auf. Während des Strukturwandels in der neu gegründeten Ukraine begann er in aufgelassenen Industrieanlagen zu arbeiten, zunächst im Kohlerevier von Donezk. Die großformatigen Fotos der Serie Donbass-Chocolate (1997) zeigen Detailaufnahmen der halbnackten, staub- und kohleverschmierten Körper ehemaliger Bergarbeiter, einst Helden der Arbeit Stachanowscher Prägung, im Foto nun erbärmliche und verletzliche Figuren, gehüllt in die zarten Rüschen von Ballett-Tutus. Für die Folgeserie Collective Red (1998) ist Savadov ins Schlachthaus gewechselt, wo die ursprünglich heroische Geschichte vom Kampf gegen den Minotauros von den Schlachtern in einem blutüberströmten Raum nachgestellt wird. Der Minotauros wird von einem nackten Mann gespielt, der einen echten Stierkopf trägt. In einem „Moment der Wahrheit“ tritt ihm der elegant gekleidete Matador Aug in Aug entgegen. Saradovs jüngste Foto-Serie, Commedia dell’Arte in Crimea (2012), eine Referenz zu sowohl balagan als auch Picassos Blauer Periode, versetzt die traditionelle Geschichte von Pagliaccio, Arlecchino und Colombina in die zeitlose Umgebung der Villen, Küsten und Wälder der Krim – der gegenwärtige Konflikt mit Russland verleiht der Arbeit ungeahnte Aktualität. In dieser absurden, melancholischen Allegorie eines Brudermords wirken die beteiligten Figuren wie gefroren, unfähig zu handeln, ohne Überzeugungen oder Zukunft.

Sergey Bratkov wurde 1960 in Charkow/UdSSR (heute Charkiw/Ukraine) geboren und hat sich zunächst als Mitglieder der Gruppe Vremya (Zeit) einen Namen gemacht, einer Gruppe von Untergrund-Künstlern, die in ihren grenzüberschreitenden Arbeiten Tabus wie individuelle Sexualität und freien Willen verletzten. Später gründete er gemeinsam mit Boris Mikhailov (ebenfalls in der Ausstellung) und Sergil Solonskij die Fast Reaction Group, die absurde Performances und Gemälde produzierte, z. B. If I were a German (1994), die ironische Phantasie eines pornographischen Arkadiens für SS-Offiziere in der von Deutschland besetzten Ukraine. In der Ausstellung ist Bratkov mit der 60-teiligen Foto-Serie Chapiteau Moscow (2012) vertreten. In Bezug auf diese Arbeit hat Bratkov den Moskauer Alltag wie folgt beschrieben: „So komisch, dass einem als erstes der Zirkus in den Sinn kommt, und Clowns mit traurigem Make-up im Gesicht… Im Theater ist jede Bewegung symbolisch und voller Bedeutung, während die Masse im Zirkus für ein Spektakel zusammenkommt, das viel näher an der Realität ist und deshalb auch viel riskanter. Im Zirkus könnte es durchaus passieren, dass ein Löwe den Dompteur frisst, dass ein Trapezkünstler...abstürzt. Aber das wichtigste am Zirkus ist die Erwartung eines Wunders. Moskau ist eine Stadt mit einer unglaublichen Dichte von Risiko und Magie. Tausende Menschen reisen jedes Jahr dorthin, weil sie auf ein Wunder hoffen. Die Stadt ist ein Mythos, in dem jedermann unfassbar reich werden, eine Prinzessin heiraten und einen zweiköpfigen Drachen besiegen kann. Es ist ein Ort, an dem märchenhafte Schönheit und Reichtum mit grenzenloser Hässlichkeit und Armut in nächster Nachbarschaft leben; die beiden Extreme sind so eng miteinander verwoben, dass das eine nicht mehr ohne das andere existieren kann. Als der ‚Moskauer Zirkus‘ sich dazu entschieden hat, seinen Direktor langfristig zu behalten, kamen mir zwei Fragen in den Sinn: Wenn das Publikum aufgehört hat zu lachen und stattdessen in angespanntem Schweigen verharrt, ist es dann vielleicht an der Zeit, das Repertoire zu wechseln, und auch den Zirkusdirektor? Und, in Hinblick auf die Zukunft: Wann wird ein wahres Wunder geschehen und der Zirkus verschwinden?“ Derlei Gedanken und Perspektiven tauchen immer wieder in Bratkovs Arbeiten auf.
 
Die russische Künstlerin Anastasia Vepreva (geb. 1989, Archangelsk) arbeitet in einer Vielzahl von Medien, darunter Fotografie, Video, Installation, Performance, Collage, Zeichnung und Text. Für ihren Video-Triptychon Requiem For Romantic Love (2015), Teil ihrer “Movement”-Serie, hat sie found footage von romantischen Szenen aus Kinofilmen oder anderen Formen der Populärkultur kompiliert. In diesem Requiem (oder Todestanz) parodiert sie das Romantische als die perfekte Hintergrund-Deko für eine patriarchale Ehe, um die inhärenten Widersprüche der Verhältnisse aufzuzeigen, die meist als „natürlich“ akzeptiert werden: Er verprügelt sie und bringt ihr dann Blumen; sturzbesoffen verspricht er ihr die Sterne vom Himmel; er geht fremd, kommt aber immer wieder nach Hause. Eifersucht und Besitzansprüche, beides „traditionelle Werte“, welche die dunkle Seite der Romantik markieren, zerstören langsam aber sicher die Würde beider Partner. Wenn diese tödliche Gefahr nicht erkannt wird, werden noch viele weitere Generationen den leeren Versprechungen nachlaufen und sowohl ihren Verstand vernebeln lassen als auch nach und nach jeglichen Anstand verlieren.
 
Diese Arbeiten sind nur einige Beispiele aus BALAGAN!!! Wie der Titel bereits andeutet, werden darin zeitgenössische Mythologien vorgestellt, welche die Vergangenheit transformieren, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu schaffen. Aber besser für wen? Vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Generationszugehörigkeiten, Perspektiven und Herkunftsorte kommen die teilnehmenden Künstler zu unterschiedlichen Schlüssen darüber, worin das Leid der Gegenwart besteht.  Sie beschäftigen sich mit den Gründen und Folgen des balagan in nationaler Identität, Religion, Gender, Politik und ökologischem Wandel und machen sie in kritischer Rahmung sichtbar.  Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen balagan als einem Modus der Kritik und einem chronischen Zustand der Realität. Viele Menschen in dieser Welt haben keine Alternative zu einem Leben im Chaos – das unkontrolliert schnell zu einem Mittel der Unterdrückung werden kann. Balagan offenbart sein wandelbares, ausbeuterisches Naturell. 




 


Mit Arbeiten von:


Sergey Bratkov [UA]
Olga Chernysheva [RU]
Arsen Savadov [UA]
Anastasia Vepereva [RU]