FIGURES OF SILENCE / DEBATTE


Podiumsdiskussion: Politische Kunst in Russland und Deutschland. Mit Oksana Shalygina und Dmitri Dinze in Berlin und Hamburg, in Dresden mit Oksana Shalygina

Aufgrund seiner letzten Aktion „Bedrohung“ wird Pjotr Pawlenski nicht an der Präsentation seiner Arbeit teilnehmen können. In den frühen Morgenstunden des 9. November 2015 zündete er die Eingangstür des russischen Bundes-Geheimdienstes FSB an, der noch immer im Gebäude residiert, von dem aus in den 30er Jahren die Stalinschen Säuberungen organisiert wurden. Nachdem das Feuer eine Minute brannte, nahm ein herbeieilender Verkehrspolizist Pawlenski fest. Begleitet wurde Pawlenski von zwei russischen Journalisten, die die Aktion dokumentierten. Die Bilder gingen um die Welt. Im gerade stattfinden Gerichtsprozess äußerte sich Pawlenski: „Die brennende Tür der Lubjanka ist der Fehdehandschuh, den ich dem FSB ins Gesicht geworfen habe.“ Er plädierte, dass sein Fall nicht als Brandstiftung sondern als Terrorismus behandelt werden soll.


© Courtesy of Pjotr Pawlensky

In der Video-Lecture „Figures of Silence“ stellt Pawlenskis Mitarbeiterin Oksana Shalygina seine Arbeit vor und erklärt, wie Pawlenski mit seinen Aktionen staatliche Institutionen zu Reaktionen zwingt. In Berlin und Hamburg ist zudem Pawlenskis Anwalt Dmitri Dinse anwesend, der Pawlenski ebenfalls bei dem Gerichtsverfahren wegen der Majdan-Solidaritätsaktion „Freiheit“ vertritt. Das anschließende Gespräch verhandelt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Situation politisch engagierter Kunst in Russland und Deutschland. 
Medien verzerren Ereignisse, reißen sie aus dem Kontext, geben ihnen eine neue Bedeutung. Doch egal, was über Pawlenskis Aktionen im russischen Fernsehen berichtet wurde, welches Echo sie in der internationalen Presse hervorgerufen haben: Sie sind mit sich identisch geblieben. Ein abgeschnittenes Ohrläppchen auf dem Dach einer psychiatrischen Klinik, ein Nagel durch den Hodensack auf dem Roten Platz, ein Mann in Stacheldraht eingewickelt vor der Justizverwaltung in Petersburg. Punkt. Pawlenskis Kunst widersetzt sich der Vereinnahmung und verortet sich außerhalb des zeitgenössischen russischen politischen Systems. Seine Aktionen schweigen in äußerster Lautstärke. Sie sind radikal in ihrer Ästhetik, riskant und schockierend. Pawlenski positioniert sich offen gegen Russlands Ukrainepolitik, gegen die Diskriminierung der LGBT-Community, gegen die zunehmende Nationalisierung. Seine Aktionen spiegeln den Zustand der russischen Gesellschaft und sind offen für Zuschreibungen. Die russischen Gerichte und die Politik versuchen sich an der Deutung, kommen aber zu keinem Abschluss. Die Aktionen sind weder Zeichen einer psychischen Erkrankung, noch Protest, noch Hooliganismus. Sie sind die Infragestellung dessen, was in Russland als Norm begriffen wird.

Die Diskussion (in Berlin mit Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit und Fabian Scheidler, Autor von „Das Ende der Megamaschine“, in Dresden mit e*vibes und Friederike Sigler, n Hamburg mit Ted Gaier) sucht nach Wegen, der Vereinnahmung von Kunst zu entgehen: Wie können sich künstlerische Aktionen der Medien als Verstärker bedienen, ohne von ihnen instrumentalisiert zu werden?

Eine Ausstellung zu Pawlenskis Werken finder in Hamburg auf Kampnagel statt. 
Ausstellung:
27.11. bis 05.12. / an allen Vorstellungsabenden
ab 18:00 Uhr (Hamburg)
 
Debatte/Gespräch (Russisch und Deutsch):
28.11., 20:00 Uhr (Berlin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)
Tickets für die Volksbühne (12,- / 8,- €) gibt es hier.

26.11., 18:00 Uhr in
Dresden, HELLERAU - Zentrum für europäische Künste

27.11., 18.30 Uhr in Hamburg, Kampnagel
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