WHATEVER SINGULARITY #453: SOLO FOR TILMAN/DANCING WITH ALAIN


TILMAN O'DONNELL / USA + DEUTSCHLAND + SCHWEDEN

WHATEVER SINGULARITY #453 ist ein Solo von Tilman O’Donnell, das er für den Tänzer Maxime Lachaume entwickelt hat. Die Choreographie entwickelt sich zu einem Dialog mit einem Video-Vortrag des französischen Philosophen Alain Badiou.
 

by Tilo Stengel

Badious Vortrag mit dem Titel „From Logic to Anthropology“ wurde 2012 an der European Graduate School aufgezeichnet. Badiou stellt darin die Negativität des konventionellen dialektischen und politischen Kampfes als Problem heraus. Das Neue sei demnach nur als Folge eines Prozesses der Verneinung der Gegenwart denkbar. Badiou fordert hingegen, die klassische dialektische Logik umzukehren, so dass die Affirmation oder politische Proposition der Negation vorangeht. Er schlägt deshalb „Ereignisse“ vor, Momente der Öffnung, in denen mit den Regeln der gegenwärtigen Situation gebrochen wird, um darin neue Möglichkeiten durch einen Prozess, den er als „primitive Affirmation“ bezeichnet, entstehen zu lassen. Diese neue Logik ist für Badiou nicht nur eine politische Vision, sondern auch „eine Art Anthropologie“: Mit der einfachen Affirmation „der Möglichkeit  einer neuen Möglichkeit“ wird, so Badiou, eine neue menschliche Subjektivität geboren – eine, die letztlich immer noch Negation und Revolte in sich trägt.

Die Choreographie überführt diese theoretische Vorlage in eine körperliche Dialektik. Allein auf der Bühne tanzt Lachaume mit dem Begriff von primitiver Bejahung in einem verkörperten Sinn und versucht dabei, körperliche und räumliche Impulse zu artikulieren, bevor sie einer negativen Gegenwart unterworfen werden. Er bewegt sich kontinuierlich gegen den Uhrzeigersinn in einem Kreis und versucht vorsichtig, die Linearität und die Vorwärtsbewegung der Geschichte rückgängig zu machen, im singulären und universellen Sinn. Indem er sich durch den Vortrag wie durch eine Partitur bewegt, ermöglicht er Badious konkreten Konzepten frei neben einem Körper zu fließen, der artikuliert, was er noch nicht wissen kann. Schließlich schneidet er durch den Raum und beginnt, sich im Uhrzeigersinn zu bewegen.

WHATEVER SINGULARITY #453  ist eine von mehreren Umsetzungen „der praktischen Theorie des whatever“, an der O’Donnell seit mehreren Jahren arbeitet. Es ist ein Versuch, die experimentelle und doch konkrete Möglichkeit der „whaterverness“  zu untersuchen – eine Haltung, die die Präsenz, Wahrnehmung und den Geist des nicht völlig Realisierbaren umarmt. Der Künstler und Kritiker John Kelsey beschreibt es so: "Es gibt Momente, in denen die einzige Möglichkeit, etwas auf die Beine zu stellen, die ist, ein Fremder im eigenen Studio zu werden, im Akt des Produzierens und im Angesicht der eigenen Produkte […].“ Text und Tanz scheinen dieses whatever zu umkreisen.
 
TANZ
Dauer: 25 min.

Termine:
21.11.2015, 19:30 Uhr // Dresden
02.12.2015, 19:30 Uhr // Hamburg
03.12.2015, 19:30 Uhr // Hamburg

Konzept, Regie, Set, Kostüm und Licht Tilman O'Donnell
Video Recorded lecture with Alain Badiou

Göteborgs Operans Danskompani